Das war 1989, ich war damals 12 Jahre alt. Ich blickte mit großen Augen in den Fernseher und wusste gar nicht, was da eigentlich passiert. Ich bin im Westen aufgewachsen, in guten bürgerlichen Verhältnissen und empfand Dinge wie Freiheit als selbstverständlich.
Ich möchte keine Phrasen dreschen, aber kurz schreiben, wie ich die 18 Jahre zurück sehe – als ich praktisch noch ein Kind war.
Als chinesische Panzer einige Monate vorher Zivilisten plattwalzten, habe ich nicht verstanden, was das soll. Aber China ist nicht Leipzig, Dresden oder Flüchtliche in der Botschaft in Prag. Natürlich habe ich meine Eltern gefragt, was in China und vor allem an der Grenze Österreich-Ungarn und in Prag und letztenendes in Leipzig usw. passiert ist.
Das mit dem Kommunismus im Osten war für einen 12 jährigen natürlich zu hoch. Dennoch habe ich da Parallelen gesehen und gar nicht darüber nachdenken _können_, was in den Nachrichten als “chinesische Lösung” angesprochen wurde (nämlich eine gewaltsame Niederschlagung der Montagsdemonstrationen, wie es analog im Juni 1953 praktiziert wurde). Ein ungutes Gefühl war aber da.
Als 12-jähriger Junge ist es allerdings normalerweise viel wichtiger, was so in der Schule passiert, was man mit Freunden macht und vor allem ob Mädchen immer noch doof sind. Ich erinnere mich allerdings daran, dass mir bei den Worten Genschers, als er die Ausreise in der Prager Botschaft bekannt gegeben hat oder bei den irren Menschenmassen bei den Demos ein kalter Schauer runterkam. Das empfand ich schon damals als sehr bewegend.
Ich erinnere mich auch noch daran als wir zuhause vor dem Fernseher die Berichte der Ausreise-Züge gesehen haben und insgeheim Angst hatten, dass es da noch irgendwo kracht – immerhin sind die durch DDR Gebiet gefahren und hier und da gab es tatsächlich einige Ausschreitungen. Es war eine gespannte Atmosphäre.
Es ist gut gegangen. Honecker und seine Clique mussten gehen, es gab kein Blutvergießen, 16 Millionen Menschen wurden heute vor 18 Jahren Bürger der Bundesrepublik Deutschland – die Wiedervereinigung war “perfekt”. Alle jubelten Kohl, Genscher, Gorbatschow und George Bush (senior) zu.
Doch das Ganze hatte erst begonnen:
Wir wohnten damals in der Weltmetropole Veersebrück, deren Zentrum aus einem Briefkasten bestand, der werktags sogar regelmäßig geleert wurde. Es gab von verschiedenen Organisationen Programme, in denen Familien aus dem Osten Familien im Westen besuchen konnten, um sich innerdeutsch ein wenig kennen zu lernen.
Und so erblickte ich mit nunmehr 13 Jahren meinen ersten Trabbi – ein S601 Universal (das ist der Kombi). Irgendwie waren die Leute ganz normal – ob die jetzt aus Rostock oder Schwerin kamen, weiß ich nicht mehr – irgendsowas war das aber. Ich musste den Trabant natürlich zeichnen (ich fand zeichnen damals absolut genial) und auf ein T-Shirt bügeln. Ich hab irgendwo noch ein Foto aus Abi-Zeiten, wo ich das T-Shirt noch trage. Die Euphorie verflog schnell…
Zeitsprung – 1996
Ich war beim Bund und kam wieder mit Menschen aus den neuen Ländern in Kontakt. In der Zwischenzeit waren wir ins Rheinland gezogen und aus dem Alltag war dieses Wunder der friedlichen Revolution praktisch verdrängt. Wir schimpften auf den Soli und wussten nicht, dass der im “Osten” genauso erhoben wurde. Wir wussten eigentlich gar nichts voneinander.
Die Frage, wo man her kam, war innerhalb von 2 Sätzen auf Ost oder West beantwortet – was ich nicht wirklich verstanden habe. Aber es war halt so. Das aufzubrechen gelang sehr wohl, auch wirkliche Freundschaften sind da entstanden. Da war aber nicht selbstverständlich. Ich war 2 Jahre in oliv unterwegs, im Schnitt 8 Jahre nach dem Fall der Mauer und damals hat schon kaum einer mehr gesehen, dass die Aktionen in Leipzig auch anders hätten ausgehen können.
Wir hätten daran auch nichts groß andern können – und als 12-jähriger Junge schon gar nicht.
Wenn ich heute auf den Kalender sehe, dann sehe ich wieder den 12-jährigen Jungen mit großen Augen vor dem Fernseher. Zeltlager in Botschaften, Menschen – Familien, die alles aufgegeben haben für ein bisschen Freiheit. Und die ziemlich viel riskiert haben. Und ich sehe den heute 31-jährigen, der sich der Geschichte der Montagsdemonstrationen nochmal annimmt und diese Zeilen schreibt. Nachdenklich – ja. Dankbar – auf jeden Fall.
Welchen Tag man jetzt als “Tag der Deutschen Einheit” bezeichnet, muss jeder selbst entscheiden. Ich bin “Baujahr” 1977, der 17. Juni ist für mich nicht wirklich relevant (meine Eltern waren 1953 noch Kinder). Der 9. November (das war allen anderen Dingern zum Trotz auch der Mauerfall!) scheidet dennoch ganz klar aus. Somit ist der 3. Oktober ganz OK.
Denken wir doch einfach mal drüber nach, welches Glück das Deutsche Volk hatte und immer noch hat, eine Wiedervereinigung in Frieden und Freiheit durchführen zu können. Selbstverständlich ist das nicht!